post post Kommentar (1) post3. April 2012

Spirit of the Game im Ultimate

Der Spirit of the Game (SOTG) ist ein Begriff aus dem Golfsport, der auch für den Teamsport Ultimate Frisbee verwendet wird. Er beschreibt eine Fairplay-Regelung, die beim Golfen ebenso wie beim Ultimate und beim Discgolfen davon ausgeht, dass keine externen Schiedsrichtenden anwesend sind. Die Spielenden sind daher selbst aufgefordert, das Einhalten der Regeln und den Fortgang des Wettkampfs auf faire Weise zu gewährleisten.

Dazu greifen mehrere Grundlagen, die gemäß SOTG im Ultimate (Regel-Paragraf Nr. 1) festgelegt sind. Das bedeutet: Wer gegen diese Grundlagen verstößt, begeht kein „Kavaliersdelikt“, sondern sie oder er verstößt gegen die erste Regel und somit gegen die Grundlage des Spiels. An diese Feststellung schließt sich unmittelbar die Frage nach Sanktionierungen an, wie das Einhalten der Regel gewährleistet werden kann (s.u.).

Zunächst aber: Was besagen die Grundregeln? Die vielleicht wichtigste Zusammenfassung bietet Paragraf 1.4. (nach WFDF-Regeln 2017, Übersetzung durch DFV)

„Hoher kämpferischer Einsatz wird gefördert, sollte aber niemals auf Kosten des gegenseitigen Respekts zwischen den Spielenden, des Festhaltens an den vereinbarten Spielregeln oder der Freude am Spiel gehen.“

Darin sind bereits drei Bedingungen genannt, wie der Sport auf selbstregulierte Weise  funktionieren kann: Respekt vor Gegenspielenden steht vor dem eigenen Siegeswillen. Grundlage der Beanstandung strittiger Situationen ist eine gute Regelkenntnis. Sowie: Freude steht über Ehrgeiz. Wenn mein Siegeswille „unbedingt“ wird, sprich übermächtig oder so dominierend, dass ich mich gegen das Grundprinzip der Freude verhalte, dann verstoße ich bereits gegen die Regel!

Die Basis des Spielens mit- und gegeneinander sind also gemeinsame Werte, zu denen ich mich über den Paragrafen 1 ausdrücklich bekenne. Dabei habe ich eine Botschafterfunktion für den Sport und auch eine Vorbildfunktion für andere Ultimate-Ausübenden inne. Insgesamt beschreiben die Regeln über 20 Paragrafen genau, wie ich mich dazu verhalten soll, und stellen dabei einen Ehrenkodex dar.

Neben den drei genannten Punkten aus § 1.4 kommen zwei weitere Forderungen hinzu, die dieses Verhalten näher charakterisieren (siehe die detaillierten Bestimmungen in § 1.3.): Das ist zum einen das Vermeiden von nicht-beiläufigem Körperkontakt und zum anderen die grundsätzliche Fairplay-Einstellung, die verlangt, mich in einer strittigen Situation auf meine Gegnerin oder meinen Gegner einzulassen.

Ein so genannter Spirit-Bewertungsbogen sorgt auf den meisten höherklassigen Turnieren dafür, dass wir uns nach jeder Partie mit dem Verhalten des anderen und des eigenen Teams auseinandersetzen. Dabei werden genau diese fünf Kategorien abgefragt: Regelkenntnis, das Vermeiden von Körperkontakt, Fairplay-Verhalten/Aufrichtigkeit, Freude/positive Einstellung, und die respektvolle Kommunikation.

In der Zusammenfassung bedeutet das

  • Ich muss als Aktive oder Aktiver die Regeln kennen, um eine Situation bewerten zu können.
  • Ich muss in einer engen oder strittigen Situation selber darauf achten, was passiert: War mein erster Bodenkontakt „in“? Habe ich beim Wurfversuch der oder des Gegenspielenden die Hand oder die Scheibe berührt? Hält sie oder er beim Werfen das Standbein still? U.a.m.
  • Wenn ich den Eindruck habe, es lag ein Regelverstoß vor, rufe ich laut das entsprechende Wort, das den Spielfluss einfriert („Freeze Calls“ sind z.B. „Aus“, „Foul“, „Down“ für eine Bodenberührung der Scheibe, u.a.m.)
  • Ich habe keine andere Wahl, als meine Meinung und die der oder des Gegenspielenden gleichberechtigt nebeneinander stehen zu lassen.
  • Ich kann einmal versuchen, aufgrund meiner festen Überzeugung die oder den Gegenspielenden davon zu überzeugen, dass meine Sichtweise zutrifft und nicht ihre oder seine. Ich kann aber nicht behaupten, dass ich recht habe und sie oder er nicht.
  • Falls wir uns nicht einigen können, geht die Scheibe zurück zur oder zum vorigen Werfenden und wird dort ins Spiel gebracht, als habe es den Zwischenfall nicht gegeben.

Eine weitere Besonderheit der Ultimate-Regeln ist, dass darin bestimmten Handlungen ein Stellenwert zugeschrieben wird, ob dieses Verhalten dem „Spirit of the Game” entspricht (z.B. seinen Gegner mit Handschlag begrüßen, sich fürs Spiel zu bedanken, etc.) oder aber nicht entspricht (z.B. wider besseres Wissens das Spiel unterbrechen, absichtlich die Regeln verletzen, seine Gegner einschüchtern etc.).

Zuletzt zur Frage, wie das Einhalten dieser Regeln gewährleistet werden kann? Dazu besteht ein mehrstufiges Verfahren.

  1. Die Regeln sind ein Ehrenkodex (Selbstverpflichtung)
  2. Es besteht ein sechsstufiges Verhaltensmodell zur Streitschlichtung („DENKE!“)
  3. Teams bestimmen Spirit Captains und sind verpflichtet ihren Mitspielenden Regeln zu vermitteln (sowie diese zu disziplinieren, wenn sie sich nicht daran halten)
  4. Verbände als Veranstalter setzen verbindliche Rahmenbedingungen von Turnieren fest und setzen diese auch durch (Sanktionierungen bei Verstößen)
  5. In den USA wird seit den 1980-er Jahren mit „Observern“ gespielt (die Entscheidungsbefugnis haben). Der Weltverband hat daraus „Game Advisor“ ohne Entscheidungsbefugnis entwickelt, die jedoch das Verfahren bei Spielunterbrechungen begleiten.

Zusammenfassung § 1 Ultimate-Regeln

Ende Einleitung: Ultimate hat keine externen Schiedsrichtenden und ist kontaktfrei. Der Spirit of the Game gibt vor, wie Spielende die Partie selbst regeln und sich auf dem Feld benehmen.

§ 1.1 Alle Spielenden sind selbst dafür verantwortlich, die Regeln zu befolgen und ihre Einhaltung zu überwachen.

§ 1.2 Die Vorschriften sind „eine Methode zur Spielfortsetzung in einer Art, die simuliert was höchstwahrscheinlich passiert wäre, hätte es keinen Regelverstoß gegeben.“ (Die Spielsituation so wieder herstellen, wie sie ohne die Regelverletzung gewesen wäre.)

§ 1.3 Bedingungen der Selbstregulierung sind

  • Regelkenntnis
  • Objektivität
  • Aufrichtigkeit
  • Dialogfähigkeit
  • Einheitlichkeit und Angemessenheit

§ 1.4 Respekt und Freude stehen VOR „unbedingtem“ Siegeswillen

§ 1.5 u. § 1.6 Ausdrückliche Beispiele für guten und schlechten Spirit

§ 1.7 bis § 1.9 Teamverantwortung zur Regelvermittlung und zur Disziplinierung (!) und Erklärungspflicht gegenüber unwissenden Anfängerinnen und Anfängern

Dazu beschreibt § 1 der Ultimate-Regeln auch das Verfahren:

§ 1.10 Nur die Beteiligten beschreiben ihre Meinung oder Sichtweise

§ 1.11 Sie klären ggf. mithilfe eines Außenstehenden die strittige Frage

§ 1.12 Bei Nicht-Einigung geht die Scheibe zurück zur oder zum vorigen Werfenden

1 Person hat bislang ein Kommentar hinterlassen

#1

[…] Die im Ultiworld-Artikel dargestellte Problematik, dass der Spirit of the Game nicht gut zu fassen sei, kann ich nicht nachvollziehen. SotG ist Respekt vor Gegenspieler, ist Bewusstsein darüber, dass beide Teams und beide Gegenspieler gewinnen wollen und daher beide gleich verantwortlich sind, und ist gelebte Verantwortung dafür, dass das Spiel auch ohne Schiesdsrichter läuft. Daran muss nach meiner Auffassung auch eine Professionalisierung nichts ändern. Dass der Verband USA Ultimate den Spirit of the Game mit auf seine Agenda setzt, ist doch prima! Sich darüber Gedanken zu machen, entspricht der Natur der Sache. […]

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